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Lichtpunkte in schwebenden Farbfeldern

Landebahnen. Bilder, die an dunkle Landebahnen erinnern, hat Izumi Kobayashi vor einiger Zeit in der Karlsruher Galerie Uschi Kolb ausgestellt. So jedenfalls konnte man die Malereien deuten, die gleichmäßig farbige Flächen zeigten. Diese wiederum waren von hellen , fast funkelnden Lichtpunkten durchsetzt, so dass eine Eindruck entstand, wie wenn mehrere Flugzeuge mit eingeschalteten Scheinwerfern gleichzeitig auf ein Rollfeld niedergehen. Diese Verbindung von quasi-monochromer Fläche und Punkten, die eine erkennbare Ordnung aufweisen, hat die Künstlerin auch in Bildern eingesetzt die nicht an Luftfahrt erinnern. Dafür wecken ihre Bilder manchmal Assoziationen an den wohl berühmtesten Aussteiger der modernen Kunstgeschichte – an den Maler Paul Gauguin, der unter dem Eindruck seiner Tahiti-Aufenthalte Werke schuf wie "Arearea" oder "Vairumati". Solche für westliche Ohren exotisch klingende Titel kommen einem in den Sinn wenn man bei Izumi Kobayashi auf Bilder stößt, die "doko e ikuno" (Wo gehst du hin?) heißen oder "doshitara iindaro?" (Was sollen wir machen?).
Nein, an Gauguin hat sie nicht gedacht, als sie ihren Malereien diese hierzulande exotisch anmutenden Namen gab, erklärt Izumi Kobayashi. Aber sie benennt alle ihre Arbeiten auf Japanisch, weil sie alles was mit Stimmung, Intuition und Gefühl zu tun hat, in der Sprache ihrer Heimat denkt: "yasuragi", ruhend, "akino owari", Herbstende, "sakuramichi" Kirschweg. Für das deutschsprachige Publikum steht immer eine Übersetzung daneben, wobei sich allerdings manchmal die Bedeutung minimal verschiebt: Eine ihrer Bilderserien hat sie "hikaru toshi" oder auf Deutsch "Licht-Jahr" bezeichnet; genau aber, sagt die Künstlerin, meinen die japanischen Worte "leuchtendes Jahr".

Von der Theorie zur Praxis

Izumi Kobayashi ist 1958 in der (heutigen) Millionenstadt Sendai geboren. Nach der Schule studierte Sie zunächst Kunstgeschichte, wobei sie besonders von einem Professor beeindruckt war, der sich auf die Kunst von Wassily Kandinsky und Paul Klee spezialisiert hatte. Vor allem Klee hatte es ihr angetan – ein erster, letzthin entscheidender Schritt Richtung Europa. Im Zusammenhang mit ihrer kunsthistorischen Abschlussarbeit reiste sie in das Paul-Klee-Zentrum Bern. Von der Schweiz war es nicht weit nach Deutschland, Anfangs der 1980er Jahre ein heißer fleck auf der Kunstlandkarte, denn allenthalben wurden die sogenannten "Neuen Wilden" diskutiert. Besonders beeindruckt war Izumi Kobayashi von der documenta 7.
All diese Eindrücke festigten den Entschluss, von der Theorie zur Praxis zu wechseln. Izumi Kobayashi wollte zeichne, wollte malen, also schrieb sie sich zu einem Vorbereitungskurs an der Kunstschule Nürtingen ein, um sich anschließend für ein Hochschulstudium zu bewerben. An der Kunstakademie Karlsruhe bestand sie die Aufnahmeprüfung, kam zunächst in die klasse von Horst Egon Kalinowski und wechselte dann zu Per Kirkeby. Eine spannende zeit wie im Rückblick bemerkt, denn während ihrer Studienjahre war der Akademiebetrieb stark von den damaligen Malerstars Georg Baselitz, Markus Lüpertz oder eben Per Kirkeby geprägt.
Bei ihren eigenen arbeiten ist die Künstlerin gleichwohl einen autonomen Weg gegangen. Den Motiven und dem betont gestischen manchmal fast brachialen Duktus der neuen deutschen Malerei blieb sie fern: Izumi Kobayashis Bilder sind aus vielen feinen Schichten aufgebaut, die ihnen etwas schwebendes geben. In der zeit als sie ein <Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg hatte (1990) und den Preis des Künstlerbundes Baden-Württemberg erhielt (1991), entstanden Werke, die Assoziationen an Blüten wecken.
So genau lässt sich das nicht bestimmen, so wie auch der Ort nicht fest zu machen ist , in dem sich die floralen Gebilde befinden: Handelt es sich um das Meer oder ein lichtdurchflutetes Universum? Klar ist nur, dass Izumi Kobayashi aus dieser Werkphase heraus ihre Malerei immer stärker in Richtung Monochromie entwickelte. Auf den großen einfarbigen Flächen fanden sich einzelne runde formen, wie Inseln. Heute sind sie eher Punkten gewichen, die wie intensive Lichtquellen aus den durch weiche Farbübergänge strukturierten Bildebenen herausstrahlen. Wenn man will, kann man sie tatsächlich mit dem fliegen in Verbindung bringen: mit den Lichtfeldern größerer Ansiedlungen oder Städte, wie sie vom Flugzeugfenster aus gesehen wirken.

Die Einfachheit des Täglichen

Aber vielleicht resultieren sie lediglich aus dem besonderen Sinn für sorgfältig durchgearbeitete Einfachheit, der die japanische Kultur kennzeichnet und der hierzulande etwa durch ästhetische Abhandlung "Lob des Schattens" des Autors Junichiro Tanizahi (1886 bis 1965) bekannt ist. Izumi kobayashi hat sich diese Haltung insofern zu eigen gemacht, als sie eine Art malerisches Tagebuch führt. Auf kleinen Bildtafeln hält sie mit dem Pinsel einfache Alltagsgegenstände fest: Zitronen und andere Früchte, Blätter oder bloß elementare Formen – zwei rechts gedrehte Spiralen; eine horizontale, zwei vertikale Linien in Blau, deren Schnittpunkte gelb markiert sind; zwei ovaloide Flächen, die sich berühren, vielleicht verschmelzen wie zwei Zellen, aus denen etwas völlig Neues entsteht.
Die Art der Assoziationen selbst ist nicht wichtig. Sie geben nicht wirklich Aufschluss über die Intentionen und die Wirkung der Malereien Kobayashis, die bereits außerhalb des sprachlich Fassbaren liegen und eher atmosphärische Zustände wahrnehmbar machen, als dass sie konkrete Gegebenheiten beschreiben, und die eben gerade dadurch neue, tiefergehende Erfahrungen ermöglichen. Und Obschon Izumi Kobayashi immer wieder dem Licht Raum verschafft, so bleibet doch – ganz in der Tradition der Kultur Japans – dem Dunkel Platz genug, um die Fantasie und das Denken des



"Lichtpunkte in schwebenden Farbfeldern", Karlsruher Atelierbesuche, Michael Hübl, BNN, Dienstag 19. August 2008

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